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Am Anfang war die Lüge

Daniel Schulze ist ein Mann .

Daniel Schulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Englische Literatur- und Kulturwissenschaft. Für die Medien ist er momentan „der Lügenforscher“. Ein Irrtum! Schließlich findet Schulze, dass Lügen wenig spannend sind – zumindest wenn es um seine Doktorarbeit geht.
Es gibt einen Moment im Gespräch mit Daniel Schulze, da bekommt die Realität plötzlich einen Knacks. Wenn Schulze, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für englische Literatur- und Kulturwissenschaft, von Cocktailpartys auf der Yacht von Calvin Klein erzählt, von Smalltalk-Runden mit Horst Köhler und von Flügen rund um den Erdball, stellt sich dem Reporter die Frage: Kann das überhaupt wahr sein? Oder erlaubt sich der 30-jährige Doktorand einen Scherz mit seinem Gegenüber und spielt ihm nur Theater vor?
Das ist der Moment, in dem Schulzes theorieschweres trockenes Dissertationsthema plötzlich Gestalt annimmt und mit einem Mal sehr konkret wird. Denn Schulze untersucht „die Ästhetik des Lügens und der Authentizität in zeitgenössischem Drama und Performance“. Dabei spielen Situationen, vergleichbar dem Gespräch zwischen Reporter und Wissenschaftler, eine wichtige Rolle. „One-on-One-Performances“ heißen solche Inszenierungen im englischsprachigen Raum. „Dort trifft ein Schauspieler auf einen Zuschauer, und es entwickelt sich ein scheinbar echtes Gespräch“, erklärt Schulze. Allerdings wisse der Zuschauer nie, was dabei Spiel und was Wirklichkeit ist.
Dem Zuschauer intime Details entlocken
Einen Tick weiter hat eine belgische Schauspieltruppe das Verwirrspiel gedreht. Auch in ihrer Performance unterhielten sich Schauspieler mit den Zuschauern unter vier Augen, fragten diese aus, boten ihnen Wein an, streichelten sie und versuchten sie zu küssen. Plötzlich änderte sich die Situation: „Auf einmal befanden sich alle Zuschauer und Schauspieler in einem Raum, und die Schauspieler erzählten sich gegenseitig, was sie von ihren jeweiligen Gesprächspartnern erfahren hatten“, sagt Schulze. Ein „totaler Vertrauensbruch“, wie er findet – und eine Performance, die die eine Hälfte der Beteiligten täuscht und in trügerischer Sicherheit wiegt, und dabei auslotet, wie schnell Menschen heute dazu bereit sind, intime Details aus ihrem Leben Fremden anzuvertrauen.
„Die Postmoderne ist am Ende, wir leben bereits in der Metamoderne“: So lautet die zentrale These in Daniel Schulzes Doktorarbeit. Auf das Theater bezogen, bedeutet dies: Das Gegenwartsdrama verlässt die Guckkastenbühne, Ironie und Dekonstruktion treten ab. Stattdessen sind andere Darstellungsformen gefragt: Darstellungsformen, die authentisch sind, geschlossen, intim. Deren Bandbreite ist groß. Sie reicht vom Dokumentartheater, das beispielsweise das Geschehen am 11. September 2001 aufarbeitet, über die intimen 1-zu-1-Situationen der belgischen Truppe bis hin zum sogenannten „immersiven Theater“ der Punchdrunk Company – einer Gruppe, die im Jahr 2000 gegründet wurde.
„In den Inszenierungen der Punchdrunk Company betritt man eine komplette Welt“, erklärt Daniel Schulze. Die Zuschauer wandern frei im Gebäude herum, stoßen in einem Stock auf eine typisch amerikanische Kleinstadt der 50er-Jahre und eine Treppe weiter auf ein Waldstück mit allem, was dazu gehört, vom Baum bis zum Mulch. Die Schauspieler wandeln ebenfalls durch die Räume, überall passiert ständig etwas. Dabei bleibt es den Zuschauern überlassen, ob sie der Geschichte folgen oder einen Raum intensiv erkunden wollen.
Die Sehnsucht nach Authentizität
„Diese Form des Theaters ist extrem authentisch, weil die Zuschauer sinnlich dichte Eindrücke erhalten“, sagt Schulze. Weil sie sich selbst entscheiden und ganz nach Wunsch bewegen können, wirken diese Eindrücke echter und intimer. Dieses Streben nach Authentizität ist nach Schulzes Meinung kein Zufall. „Der Wunsch nach Authentizität wird immer virulent in Zeiten des Umbruchs“, sagt er. Und für solch einen Umbruch sorge momentan der Siegeszug des Digitalen. Im Zeichen von Facebook, Twitter und WhatsApp sei Vielen nicht mehr klar, wo die Realität aufhört und das Zeichen beginnt. „Außerdem leben wir im Zeitalter der Performativität“, sagt Schulze. Soll heißen: Veränderte Kommunikationsstrukturen haben zur Folge, dass Menschen permanent zwischen verschiedenen Rollen wechseln. Auf Facebook nehmen sie eine andere Rolle ein als bei einem Anruf, die E-Mail schreiben sie in einer anderen Funktion als die SMS. „Dieser ständige Rollenwechsel kann überfordernd wirken und verwirrt uns“, ist sich Schulze sicher. Deshalb seien viele Menschen auf der Suche nach dem Echten, Ursprünglichen. Und finden es in modernen Versionen des Theaters und der Performance.
Vermutlich ist der Titel seiner Doktorarbeit daran schuld, dass Journalisten auf Daniel Schulzes Namen stoßen, wenn sie nach einem Experten für Lügen suchen. So kam es, dass der Kulturwissenschaftler vor Kurzem im Hessischen Rundfunk über die Lüge im Alltag sprechen durfte – Anlass war der 100. Geburtstag des Lügendetektors. Und der Würzburger Lokalfunk wollte von ihm wissen, ob es in Ordnung ist, wenn Frauen dem Typen, der sie in der Disco anbaggert, eine falsche Handynummer geben. Dabei steht die Lüge längst nicht mehr im Zentrum von Daniel Schulzes Forschung.
Beschäftigung mit der Lüge führt in die Sackgasse
„Ich habe mich 18 Monate lang intensiv mit der Lüge beschäftigt“, erzählt Schulze. Um ein „dichtes Bild“ der Lüge zu gewinnen, habe er sich zunächst mit der Definition des Begriffs auseinandergesetzt und sei damit bei den Philosophen gelandet. Dann kam die Linguistik an die Reihe, die Soziobiologie, die Rechtswissenschaft und natürlich die Psychologie. Doch je mehr er über die Lüge wusste, desto deutlicher wurde ihm: „Das führt zu nichts. Die Lüge ist für meine Arbeit ein wenig spannender Bereich!“ Aus der Sackgasse habe ihn erst ein Gespräch mit einem Kollegen am Rande eines Kongresses geführt. Der habe ihm nahegelegt, sich doch stärker auf die Ästhetik der Authentizität zu konzentrieren. Natürlich sei es ihm schwer gefallen, die Arbeit von anderthalb Jahren quasi in den Papierkorb zu schmeißen. Die Konzentration auf Authentizität habe seiner Arbeit jedoch gut getan: „Danach lief es deutlich besser!“ Immerhin bleibt ihm ein Trost: Als „Lügenexperte“ kann er in den Medien sein angesammeltes Wissen gut einsetzen – „so bleibt es nicht ganz in der Versenkung“.
Und was ist nun mit den Cocktailpartys auf der Yacht von Calvin Klein? Dahinter steckt eine Geschichte, die tatsächlich wie ausgedacht klingt. Daniel Schulze hatte sich 2004 an der Universität Passau für den Studiengang „Sprachen, Wirtschafts- und Kulturstudien“ eingeschrieben. Nach dem Vordiplom war er für ein Jahr an das King’s College in London gewechselt, um dort einen Master in „Text & Performance Studies“ zu erwerben. Wieder zurück in Passau erzählte ihm ein Bekannter, dass Robert Wilson momentan auf der Suche nach einem persönlichen Assistenten sei – ob er sich nicht bewerben wolle. Robert „Bob“ Wilson ist – wie Wikipedia schreibt – ein US-amerikanischer Regisseur, Theaterautor, Maler, Lichtdesigner, Bühnenbildner, Videokünstler und Architekt. Weltweit werden seine Arbeiten gefeiert.
Mit Robert Wilson rund um die Welt
Schulze fuhr also nach Baden-Baden, wo Wilson gerade den Freischütz inszenierte, verbrachte einen halben Tag mit dem Regisseur – und hörte dann lange nichts. Erst als er sich schon sicher war, dass seine Bewerbung gescheitert sein musste, kam der Anruf: „Du hast den Job. Du musst aber in zehn Tagen in New York sein“. Von da ab war der Student aus Passau persönlicher Assistent eines weltberühmten Künstlers und musste quasi rund um die Uhr für ihn da sein. Flüge organisieren und Wäsche waschen, Spenden eintreiben und Arzttermine festlegen, Kunstkäufe tätigen und Pflaster besorgen: Für jedes Detail war Schulze verantwortlich – angefangen beim morgendlichen Wecken um 7.00 Uhr bis zur Begleitung zu Empfängen und Partys bis tief in die Nacht – von Bogota bis Taipeh. Was zur Folge hatte, dass Schulze Calvin Kleins Yacht betreten und mit Horst Köhler plaudern durfte.
„Unglaublich spannend und unglaublich lehrreich“ sei dieses Jahr gewesen, sagt Daniel Schulze. Und unheimlich anstrengend. Immerhin sei er rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche im Dienst gewesen; ganze zehn Tage habe er in dieser Zeit frei gehabt. Der abrupte Wechsel aus der „Jetset-Scheinwelt“ in die akademische Welt des kleinen Passau sei deshalb auch eine Erleichterung gewesen.
Soeben hat Daniel Schulze die letzten Korrekturen an seiner Doktorarbeit vorgenommen; jetzt liegt das fertige Werk bei seinem Doktorvater. Im Sommer wird er es verteidigen und anschließend veröffentlichen. Und danach? Das ist noch offen. Viele Möglichkeiten bieten sich an. Schließlich ist Schulze nicht nur wissenschaftlicher Mitarbeiter und erprobt als persönlicher Assistent: Er schreibt Theaterstücke, führt Regie und tritt als Schauspieler auf. Für die English Drama Group der Uni hat er gerade eine Bühnenversion von Miltons Gedicht „Paradise Lost“ geschrieben. Die will er im Sommer zur Aufführung bringen – am liebsten in einer Kirche. Die Suche nach dem geeigneten Raum läuft bereits – ohne Assistent.








Nachricht vom 10.2.15 23:50

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