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Hethitische Festrituale im Blick

Das Sphingentor in der Heth .

Mit rund 8,3 Millionen Euro ist ein neues Forschungsprogramm ausgestattet, das den Festritualen der Hethiter auf den Grund geht. Die Federführung liegt bei Daniel Schwemer, Professor für Altorientalistik an der Universität Würzburg.
Das Reich der Hethiter erstreckte sich im Wesentlichen über das heutige Anatolien. Wie auch Ägypten oder Babylonien, gehörte es zu den „Global Players“ in der Welt des zweiten Jahrtausends vor Christus. Wer die Ruinen einer hethitischen Stadt besucht, erkennt sofort die wichtige Rolle, die das Kultwesen bei den Hethitern spielte: Monumentale Sakralbauwerke prägen das Stadtbild und die Umgebung. Allein in Hattuša, der hethitischen Hauptstadt, sind 30 Tempel nachgewiesen.
Es gehörte zu den wesentlichen Aufgaben der Könige und der von ihnen eingesetzten Führungseliten, die Kulte der Götter zu pflegen. Zu diesem Zweck entstanden zahlreiche Festritualtexte – knapp formulierte, aber umfangreiche Vorschriften für die Durchführung der Kulte zu bestimmten, oft jahreszeitlich festgelegten Anlässen.
Ungenügend erschlossene Tontafel-Texte
Die Ritualtexte sind auf derzeit über 10.000 Tontafel-Fragmenten in Keilschrift erhalten. Sie bilden damit die größte Textgruppe aus dem hethitischen Anatolien, sind aber bislang wissenschaftlich ungenügend erschlossen. Das soll sich durch ein neues Projekt ändern, das an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz angesiedelt ist: „Das Corpus der hethitischen Festrituale: staatliche Verwaltung des Kultwesens im spätbronzezeitlichen Anatolien.“
Die Projektleitung liegt federführend beim Altorientalisten Professor Daniel Schwemer von der Universität Würzburg und bei der Sprachwissenschaftlerin Professorin Elisabeth Rieken von der Universität Marburg. Den beiden stehen über die Projektlaufzeit von 21 Jahren insgesamt rund 8,3 Millionen Euro zur Verfügung, finanziert vom Bund und den Ländern. Das Geld wird unter anderem für fünf Wissenschaftlerstellen in Mainz, Marburg und Würzburg verwendet.
Beschlossen wurde die Einrichtung des Hethiter-Projekts am 30. Oktober 2015 von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder. Das Vorhaben ist Teil des Akademienprogramms, in dem ab Januar 2016 insgesamt neun neue Langzeitprojekte starten.
Einige Ziele des neuen Forschungsprojekts
Was sich die Wissenschaftler von dem Hethiter-Projekt versprechen? „Ziel ist, aus den vielen tausend Fragmenten von Keilschrifttafeln die Festritualtexte der Hethiter soweit wie möglich zu rekonstruieren und in wissenschaftlichen Editionen vorzulegen“, sagt Daniel Schwemer. Dadurch soll klar werden, wie die Verehrung der Götter in den Tempeln der Hethiter vor sich ging und wie sich einzelne Kulte über die Jahrhunderte hinweg veränderten.

Qualitätssicherung in der antiken Bürokratie
Schwemer und Rieken interessieren sich auch für die Bürokratie, mit deren Hilfe die hethitischen Könige das Kultwesen organisieren ließen. Wie zum Beispiel fingen die Schreiber in einer frühen Form der Qualitätssicherung die Spannungen auf, die sich zwischen der Forderung nach einer korrekten Durchführung des Kultes und den realen Verhältnissen ergaben, die oft zum Ausfall oder zum Verschieben von Festen führten? Welche Textformen entwickelten die Experten, wie entstanden in diesem Zusammenhang technische Fachsprachen, wie wurden zugleich überkommene Sakralsprachen gepflegt?
Wirtschaftliche Bedeutung der Kulte und Tempel
Die Festritualtexte sollen auch Einblicke in den Aufbau und die Entwicklung der hethitischen Götterwelt, in die Kultgeographie des Hethiterreiches und in die Sakraltopographie hethitischer Städte geben. Nicht zuletzt hatten die Kulte und der Betrieb der Heiligtümer enorme wirtschaftliche Bedeutung im gesamten Hethiterreich. „Diesen Faktor darf man nicht aus den Augen verlieren, wenn man die politische Bedeutung des Kultwesens für das hethitische Königtum und für die Stabilität der Gesellschaft im Hethiterreich analysiert“, so der Würzburger Professor.
Digitale Technologien im Einsatz
Die Wissenschaftler wollen außerdem web-basierte Schlüsseltechnologien weiterentwickeln, mit denen sich die hethitischen Keilschrifttexte noch besser edieren und studieren lassen. Dazu gehören digitale dreidimensionale Aufnahmen und Analysen von Keilschrifttafeln. Die dafür nötige Basis ist bereits vorhanden: Altorientalisten und Informatiker aus Würzburg, Dortmund und Mainz haben sie im Projekt „3D-Joins“ geschaffen, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde.








Nachricht vom 12.11.15 21:07

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