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Mittler zwischen Kulturen und Religionen

Professor Francis D'Sa, Alu .

Als Christ ist Francis D’Sa in Indien mit Hindus und Muslimen aufgewachsen. Er ging nach Europa, studierte katholische Theologie und wurde Priester. An der Uni Würzburg lehrte er fünf Jahre lang als Gastprofessor für Missionswissenschaft und Dialog der Religionen. Nun kehrt er zurück: Als Teilnehmer an der Euro-Indischen Woche, die das Alumni-Büro der Universität vom 1. bis 8. Juli veranstaltet. Ein Porträt.
Wie würde die Welt aussehen, wenn sich die Religionen gegenseitig die Hände reichen? Wenn sie sich für ihre Gemeinsamkeiten lieben statt für ihre Gegensätze hassen würden? Was für eine Gesell-schaftsform hätten wir, wenn Nationalitäten, Ethnizitäten und Sprachen keine Rolle spielen würden? Kurzum: Wie würde die Menschheit aussehen, wenn tatsächlich jeder Einzelne seinem Nächsten gleich wäre und keine Gruppendefinitionen der Völkerverständigung im Weg stünden?
Es gehört eine Menge Idealismus dazu, eine solche Entwicklung für realistisch zu halten. Denn in der Geschichte der Menschheit hat es noch nie eine dauerhafte Periode des Friedens gegeben. Trotzdem gibt es Menschen, die die Öffentlichkeit davon überzeugen möchten, dass es lohnenswert ist, sich für eine solche Vision einzusetzen. Einer von ihnen ist der Jesuitenpater und Religionswissenschaftler Francis D’Sa.
Von Indien nach Europa
Francis D’Sa wurde am 29. November 1936 in Gokak Falls im Westen Indiens geboren. Er wuchs als Christ neben Hindus und Moslems auf. Wahrscheinlich war es genau diese Pluralität, die in ihm die Überzeugung reifen ließ, dass ein Zusammenleben und ein Dialog zwischen verschiedenen Gruppen möglich, wenn nicht sogar unausweichlich sind.
Nachdem D’Sa in Pune Philosophie studiert hatte, zog es ihn 1964 nach Europa. 1967 wurde er in Zug (Schweiz) zum Priester geweiht, 1968 schloss er in Innsbruck sein Studium der katholischen Theologie mit dem Lizentiat ab, 1973 promovierte er in Wien. Anschließend lehrte er an verschiedenen Univer-sitäten, unter anderem von 2003 bis 2008 als Gastprofessor beim Stiftungslehrstuhl für Missionswis-senschaft und Dialog der Religionen an der Uni Würzburg.
Friedenskultur als Ziel
Die Lehre und Erforschung von Religionen und Kulturen sowie deren Vereinbarkeit stellt einen Schwerpunkt im Schaffen des Jesuitenpaters dar. Nicht etwa ein Zustand, in dem es lediglich keinen Krieg gibt, sondern ein Zustand des ultimativen Friedens sollte das Ziel der Menschheit sein: „Obwohl es viele Friedensbewegungen gibt, zeichnet sich bisher keine Friedenskultur ab“, so D‘Sa. „Jede Kul-tur trägt den Samen des Friedens in ihrem Bestreben, aber leider werden die Religionen von ver-schiedenen Interessensgruppen ausgenutzt. Nur der Weg der Selbstkritik, des Dialoges, des gegensei-tigen Verstehens und des einander ernst Nehmens führt uns zu allgemeinem Gedeihen und Frieden. Warum bilden wir Menschen für den Krieg aus, aber nicht für den Frieden?“
„Den anderen so verstehen, wie er sich selbst versteht – damit er lernt, mich zu verstehen, wie ich mich selbst verstehe“ – darum geht es Pater D’Sa, wenn er seinen Leitgedanken erläutern will. Der freundliche Philosoph, der von Manchen als leidenschaftlicher Vorkämpfer des Dialogs zwischen dem Christentum und anderen Religionen bezeichnet wird, ist aber kein reiner Theoretiker. Wo immer es geht, setzt er sich für die religiöse Erfahrung und die praktizierte Liebe ein.
Hilfe für misshandelte Frauen und ihre Kinder
Eines seiner bedeutendsten sozialen Projekte ist MAHER, was in der Sprache der Völker Maha-rashtras „das Haus der Mütter“ bedeutet. Das 1997 gegründete interreligiöse Projekt widmet sich der Entwicklungshilfe in indischen Dörfern sowie der medizinischen Versorgung, Ausbildung und Re-habilitation misshandelter Frauen und ihrer Kinder.
Dass D’Sas Heimatland solche Institutionen bitter nötig hat, verdeutlichen erschreckende Statistiken: 200.000 Frauen und Kinder werden in Indien jährlich verschleppt und sexuell ausgenutzt. Betrachtet man nur die gemeldeten Fälle, wird alle 29 Minuten eine Frau vergewaltigt. Pro Tag werden 50 Fälle von Misshandlungen oder Morden an Frauen gemeldet, deren Familie keine befriedigende Mitgift zahlen konnte. Im Jahr 2010 waren zudem 2,4 Millionen Inder mit dem HI-Virus infiziert.
Das Leid ist groß. Aber in der Not solle man nicht verzweifeln, sondern helfen, wo man kann – dass ist Francis D’Sas Maxime. Der Pater ist ein einfacher Mann, der hinter dem philosophischen Konzept des kosmotheandrischen Welt- und Menschenbildes eine simple Vision hat: die Menschen und Religio-nen einander näher zu bringen, um ein friedfertiges Zusammenleben zu ermöglichen.
Dafür muss sich der Mensch aber ein gutes Stück ändern: Er sollte sich nicht über seinen Besitz defi-nieren. Er sollte seine Träume mit anderen teilen und sich deren Vorstellungen zu Herzen nehmen. Er sollte das unerklärlich mystische und die Pluralität unserer Gesellschaften als Bereicherung und nicht als Bedrohung sehen. Und er sollte über Allem demütig sein.
Gast bei der Euro-Indischen Woche
Zur Euro-Indischen Woche, die das Alumni-Büro der Universität Würzburg vom 1. bis 8. Juli organi-siert, wird Francis D’Sa seiner ehemaligen Wirkungsstätte erneut einen Besuch abstatten. Mit ihm erwartet das Alumni-Büro weitere Ehemalige aus verschiedenen Ländern. Die Veranstaltungen ste-hen allen Interessierten offen.
Ein Schwerpunkt der Projektwoche wird das Verhältnis zwischen der Europäischen Union und der aufsteigenden Großmacht Indien sein. Mit anderen Kulturen, Berufsfeldern und Altersgruppen in Kontakt treten, wertvolle Erfahrungen austauschen und neue Kontakte knüpfen: Das ist in dieser Woche möglich, dafür bietet das Alumni-Netzwerk eine hervorragende Basis.








Nachricht vom 22.6.11 00:45

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