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Brasilianer leidet an der WM

Mateus Adolfi in einem Aqua .

Mateus Adolfi (27) kommt aus Brasilien und macht seine Doktorarbeit im Biozentrum. Er liebt Fußball, er liebt Sportturniere, er liebt sein Land – aber auf die Fußball-WM kann er sich trotzdem nicht freuen.
Seine Heimat ist die 20-Millionen-Metropole São Paulo, das wichtigste Wirtschafts- und Kulturzentrum Brasiliens. Dort ist Mateus Adolfi mit fünf Geschwistern in einer Mittelschichtfamilie aufgewachsen, dort hat er Biologie bis zum Master studiert – an der Universität São Paulo, die mit über 90.000 Studierenden die größte Uni des Landes ist.
Fußball ist für Mateus – wie für die meisten seiner Landsleute – eine Herzensangelegenheit. „Ich habe immer hobbymäßig gespielt“, sagt er, „ganz einfach auf der Straße. Man braucht so wenig für Fußball: Nur ein paar Schuhe, um das Tor zu markieren, und viele Socken, aus denen man sich einen Ball macht.“
Fußball- und Samba-Klischees passen nicht
Seit Anfang 2012 ist der Brasilianer als Doktorand am Biozentrum der Universität Würzburg. Hier spielt er weiterhin regelmäßig Fußball, auf einer Wiese am Hubland-Campus, mit Leuten aus dem Biozentrum. Auch beim Hochschulsport ist Mateus schon Richtung Tor gestürmt. Dort dachten die anderen zuerst, dass er als Brasilianer ein besonders raffinierter Spieler sei – doch Mateus musste sie enttäuschen: „Ich spiele nicht besonders gut“, sagt er und lacht.
Gängige Brasilien-Klischees erfüllt der 27-Jährige auch nicht mit seinem Musikgeschmack. Er ist kein glühender Fan von Samba und Bossa Nova, sondern mag am liebsten Hardrock, Power Metal und Progressive Metal. Diese Art von Musik spielt er auch selbst; er war als Gitarrist und Bassist in seiner Heimat regelmäßig Mitglied in Bands. Jetzt allerdings lässt ihm die Doktorarbeit für dieses Hobby nicht mehr viel Zeit.
Fische führten Mateus nach Würzburg
Warum der junge Biologe nach Würzburg gekommen ist? In seiner Masterarbeit an der Universität São Paulo hat er sich mit seinem Lieblingsthema befasst, der Evolution von Fischen. Die meisten wissenschaftlichen Publikationen, die er zu seinem Thema fand, kamen aus Würzburg – aus der Arbeitsgruppe von Professor Manfred Schartl am Biozentrum.
Mateus absolvierte darum 2010 für seine Masterarbeit ein viermonatiges Laborpraktikum am Biozentrum. Danach lud Professor Schartl ihn dazu ein, hier seine Doktorarbeit über die Geschlechtsbestimmung bei Fischen zu machen. So kam es, dass er Anfang 2012 von Brasilien nach Deutschland zog. „Einen kleinen Kulturschock hatte ich am Anfang schon, aber ich habe bald gemerkt, dass die Mentalität hier nur ein bisschen anders ist.“
Viel über Brasilien nachgedacht
Seit er in Würzburg ist, hat Mateus sich viel mit Brasilien beschäftigt. „Warum laufen manche Dinge in Deutschland so gut, die in seiner Heimat nicht funktionieren? Warum ist das brasilianische Gesundheitssystem nicht gut? Warum sind die staatlichen Schulen so schlecht?“ Und auch diese Frage hat ihn umgetrieben: „Was bringt die Fußball-WM meinem Land?“
Eigentlich mag Mateus ja Sportturniere. Nachdem er aber viele Berichte über das Gebaren der brasilianischen Politik und des Weltfußballverbands Fifa gelesen hat, geht ihm jegliche Sympathie für diese WM ab: „Ich kann mich nicht mehr darauf freuen“, sagt er.
Damit steht er nicht alleine da: „Umfragen haben gezeigt, dass anfangs 80 Prozent der Brasilianer die WM wollten und dass es jetzt nur noch 49 Prozent sind. Denn viele Leute haben gemerkt, dass sie mehr verlieren als gewinnen“, sagt Mateus.
Zum Kritiker der WM geworden
Er selber ist aufgrund vieler Tatsachen zum Kritiker geworden: So regt es ihn zum Beispiel auf, dass der brasilianische Staat fast die gesamten Kosten der WM aus Steuergeld bezahlt, dass die Fifa aber die Gewinne komplett für sich einstreicht – prognostiziert sind mehr als drei Milliarden US-Dollar. „Und dafür muss die Fifa in Brasilien nicht einmal Steuern bezahlen!“
Allein drei Milliarden Euro Steuergeld wurden für zwölf neue Stadien ausgegeben. In Brasilien ist das schon länger ein Reizthema. Die neue Arena für die Stadt Manaus zum Beispiel. „Keiner weiß, wer nach der WM da spielen soll“, sagt Mateus, „das wird ein Geisterstadion, denn es gibt dort nur einen sehr kleinen Zweitligaclub.“ Auf der anderen Seite wurden viele öffentliche Infrastrukturprojekte gestrichen, unter anderem eine zusätzliche U-Bahn-Linie für São Paulo. Dabei ist das Netz der Metro in seiner Heimatstadt schon lange viel zu klein, wie Mateus aus eigener Erfahrung weiß.
Positive Wirkung nur nach außen
Schätzungsweise 200.000 Zwangsumsiedlungen im Vorfeld der WM-Bauprojekte. Schlechte Arbeitsbedingungen auf den Stadionbaustellen, wo bislang acht Arbeiter bei Unfällen gestorben sind: Mateus kann viele weitere Gründe nennen, die ihm die Freude an der Weltmeisterschaft genommen haben.
Sein Fazit: „Die Politik und die Fifa wollen nach außen ein positives Bild von Brasilien zeigen, aber für die Menschen im Land wollen sie nichts tun.“ Diese Einschätzung unterstreicht ein Bericht im Tagesspiegel (Berlin): Demzufolge belegt Brasilien unter 30 Industrienationen den letzten Platz, wenn es darum geht, die allgemeine Lebensqualität mit Steuergeld zu verbessern. Dazu Mateus: „So geht die Schere zwischen arm und reich in Brasilien immer weiter auseinander, obwohl sich die Wirtschaft gut entwickelt hat.“








Nachricht vom 3.6.14 21:28

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