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Wenn der Krebs wieder da ist

Neuartige Ausbildungsform für Medizin-Studierende Stellen Sie sich mal vor, Sie wären Ärztin oder Arzt in einer großen Klinik. Heute kommt zu Ihnen eine Frau, der Sie sagen müssen, dass ihre Krebserkrankung wieder ausgebrochen ist. Die Patientin haben Sie noch nie gesehen. Sie kennen nur ihre Akte – in einer Klinik mit Schichtbetrieb kann das durchaus öfters vorkommen.
Ganz schön unangenehm, oder? In so einer Situation steckt die Würzburger Medizinstudentin Maria Thomas. Ihr gegenüber sitzt die 58-jährige Eva Schwarz. Die hatte Brustkrebs in einem sehr frühen Stadium und wurde vor acht Wochen operiert. Ihre Brust konnte erhalten werden; derzeit bekommt sie eine Strahlentherapie. Nun klagt sie über zunehmende Rückenschmerzen. Sie ist fest davon überzeugt, dass daran die harten Liegen in der Klinik schuld sind, auf die sie sich zur Bestrahlung legen muss.
„Frau Schwarz, ich muss Ihnen leider sagen, dass Ihre Schmerzen nicht von den Liegen kommen. Das ist Ihr Krebs, der hat im Körper gestreut und jetzt Ihre Wirbelsäule befallen“, sagt Maria Thomas. Die Patientin erstarrt. Dann schlägt sie die Hände vors Gesicht. „Das ist wieder der Krebs? Das gibt es doch gar nicht. Und das haben Sie die ganze Zeit über nicht gemerkt?“ Die Patientin wird lauter, klagt ihr Gegenüber an – schließlich waren alle Kontrolluntersuchungen nach der Operation unauffällig.
Aber auch jetzt reagiert Maria Thomas souverän. Sie hält Augenkontakt zur Patientin und erklärt ihr freundlich, warum die Ärzte die Metastasen erst jetzt feststellen konnten. Sie schlägt vor, die Bestrahlungen der Brust wie geplant fortzusetzen. Sie macht deutlich, dass es ganz wichtig ist, jetzt ein Stützkorsett zu tragen – denn der vom Krebs befallene Wirbelkörper droht zu brechen. Und sie macht der Frau Mut, sagt ihr, dass sie trotz der momentan ungünstigen Lage noch etliche Jahre bei guter Lebensqualität vor sich hat. Dann bringt die Studentin ihre Patientin zur Tür, verabschiedet sie, wünscht ihr alles Gute.
Geschafft! Die 26-Jährige zieht ihren weißen Kittel aus, noch während sie zum Schreibtisch zurückläuft. Die zehn Minuten mit Eva Schwarz waren anstrengend, schnell will sie jetzt auch ihre Rolle als Fachärztin ablegen – denn die hat sie heute nur gespielt. Die Patientin war ebenfalls nicht echt. Eva Schwarz heißt in Wirklichkeit Ursula Zimmermann und ist Laienschauspielerin.
Die „Ärztin“ und die „Patientin“ sind in der Klinik für Strahlentherapie beim Kommunikationstraining aufeinandergetroffen, das im Medizinstudium inzwischen zur Ausbildung gehört. Maria Thomas musste üben, Krebspatienten eine schlechte Nachricht zu übermitteln. Jetzt ist sie sichtlich aufgewühlt. „Als die Patientin mich so direkt gefragt hat, ob das wieder der Krebs ist – das war mir schon zu hart“, gibt sie zu, „und das, obwohl ich eher ein Typ bin, der schnell alle Karten auf den Tisch legt.“ Der fiktive Fall war ihr vor dem Gespräch zwar bekannt und sie hatte sich eine Strategie zurechtgelegt. Als aber die Schauspielerin leibhaftig vor ihr saß und unerwartet reagierte, war so manche Vorüberlegung hinfällig. „Das war eine wertvolle Erfahrung“, sagt die Studentin.
Mit ihrer Partnerin war sie während des Gesprächs nicht alleine. Während sie die Rolle der Ärztin übernahm, wurde Maria Thomas von vier anderen Studierenden und von der Psychologin Silke Neuderth beobachtet. Von ihnen allen bekommt sie jetzt Feedback. Das Urteil fällt sehr gut aus, und auch die Schauspielerin findet nur lobende Worte: „Sie waren sehr aufmerksam, sie waren sehr beruhigend. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass sie heute nur für mich da sind. Sie haben alles sehr gut erklärt – und Sie haben mir zum Schluss Mut gemacht!“
Das Kommunikationstraining mit Schauspielern gibt es an der Medizinischen Fakultät seit Sommer 2007. Es gehört für alle Studierenden im siebten Semester als eines von sieben Pflichtseminaren in das Gesamtkonzept der Veranstaltung „Interdisziplinäre Onkologie“. Initiiert und geleitet wird es von Dr. Birgitt van Oorschot, Ärztin für Strahlentherapie und Palliativmedizin, sowie von der Psychologin Dr. Silke Neuderth vom Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie. Unterstützung bekommen die beiden von studentischen Tutoren.
Ihre Erfahrungen nach zwei Semestern? Insgesamt sei die Resonanz sehr positiv, sagen sie. Das zeigen auch die Bewertungsbögen, die die Studierenden nach dem Training ausfüllen. Bislang haben insgesamt rund 300 angehende Mediziner an dem Seminar teilgenommen. Die Medizinische Fakultät finanziert das Projekt mit rund 8.000 Euro pro Semester aus den Studienbeiträgen. Im Sommer ist an eine Ausweitung gedacht. Die Gruppen sollen noch kleiner werden, weitere Schauspieler dazukommen. „Ziel ist es, dass alle Studenten einmal den Arzt spielen können“, erklärt Silke Neuderth. „Denn das Projekt zeigt deutlich: Der Lerneffekt ist bei den Spielern eindeutig höher als bei den Beobachtern.“
Wie überbringt man Krebskranken eine schlechte Nachricht? Das üben die Würzburger Medizinstudenten mit Laienschauspielern. Sieben von ihnen sind derzeit aktiv; das Bild zeigt Johann Ertl (44) aus Giebelstadt beim „Training“ mit einem Studenten
Wie überbringt man Krebskranken eine schlechte Nachricht? Das üben die Würzburger Medizinstudenten mit Laienschauspielern. Sieben von ihnen sind derzeit aktiv; das Bild zeigt Johann Ertl (44) aus Giebelstadt beim „Training“ mit einem Studenten. Foto: Nils Eckel

Quelle: Universität Würzburg








Nachricht vom 26.3.08 12:28

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